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Barrierefreie Treppen

Treppen - barrierefrei?

Auszug aus dem Fachartikel "Barrierefreie Treppen"

Autoren: Dipl.-Päd. Dietmar Böhringer und Prof. Dipl.-Ing. Axel Stemshorn

Die Überschrift scheint ein Widerspruch in sich zu sein: Treppen gelten bekanntlich - neben Bordsteinen - als Musterbeispiel für Barrieren, deren Beseitigung anzustreben wäre. Die logische Konsequenz dieser Denkweise: Existiert eine Rampe oder ein Aufzug, ist offensichtlich die Forderung nach Barrierefreiheit erfüllt und man erkennt keine Notwendigkeit mehr, der Gestaltung von Treppen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Weshalb auch sollte eine Barriere barrierefrei gestaltet werden!

Hier liegt aber ein gravierendes Missverständnis vor. Nicht nur von der großen Masse nicht behinderter Fußgänger, sondern auch von großen Gruppen behinderter Menschen werden Treppen intensiv genutzt; dann nämlich, wenn sie ihnen weniger Probleme bereiten als die alternativ angebotenen Möglichkeiten zur Höhenüberwindung: Menschen, die an Klaustrophobie leiden, meiden wenn irgend möglich Aufzüge; Menschen mit Gleichgewichtsstörungen haben massive Probleme auf Rampen und für viele gehbehinderte, betagte, blinde und sehbehinderte Menschen ist z.B. das Gehen über den Umweg einer 18 m langen Rampe inkl. Zwischenpodesten wesentlich beschwerlicher oder schwieriger als das Steigen über fünf Stufen, da die Treppe ihnen entweder weniger Kraft kostet oder (was für blinde und sehbehinderte Menschen elementar wichtig ist) eine bessere Orientierung bietet.

(...)

Aktuelle Tendenz: Treppensicherheit reduzieren?

rechts: Privates Wohnhaus in Leonberg, erbaut 1958, links: Kaufhaus in Bremervörde, erbaut um 1970 Stadthalle Leonberg, erbaut 1984

In den 60-er und 70-erJahren des letzten Jahrhunderts sind deutliche Bemühungen erkennbar, Treppen mit einem hohen Sicherheitsstandard zu bauen. Siehe Abbildungen 1 und 2: Alte Treppen mit optimal kontrastreicher Markierung aller Stufenvorderkanten.

Dann aber setzte sich eine Tendenz durch, die man salopp als "Neo-Treppen-Liberalismus" bezeichnen könnte: Renommierte Planer schienen es bei Prestigeobjekten als besonders innovativ zu betrachten, wenn sie möglichst viele bekannte oder selbstverständliche Sicherheitsaspekte bei Treppen missachteten.

Siehe Abbildung 3: Rechtshänder finden an der Hauptzugangstreppe beim Gehen abwärts auf der rechten Seite in den Treppenlauf ragende "Stolpersteine", aber keinen Handlauf vor. (...)

Bedauerliche Fehleinschätzung bei der MLTB

Die "Musterliste der Technischen Baubestimmungen (MLTB)" vom Dezember 2011 empfahl den deutschen Bundesländern zwar, die DIN 18040, Teile 1 und 2 in die jeweils landesinternen "Listen der Technischen Baubestimmungen" einzuführen. Die Abschnitte 4.3.6 über Treppen sollten dabei jedoch weitgehend bzw. vollständig von der Einführung ausgenommen werden [Musterliste]:

  • DIN 18040-1 / Öffentlich zugängliche Gebäude [Teil 1]:

"Abschnitt 4.3.6 muss nur auf notwendige Treppen angewendet werden." (Definition: "Nicht notwendige Treppe: zusätzliche Treppe, die gegebenenfalls auch der Hauptnutzung dient" [DIN 18065, 3.4]). Ausgerechnet also bei jenen Treppen, die den stärksten Publikumsverkehr bewältigen müssen, soll der Architekt also, um dem Zeitgeschmack Rechnung zu tragen, die Aspekte der Barrierefreiheit missachten dürfen!

"Die Abschnitte 4.3.6 … sind von der Einführung ausgenommen." Hinter dieser Aussage steht offensichtlich die Überlegung, dass barrierefreie Wohnungen – sofern sie nicht ebenerdig sind - in aller Regel über einen Aufzug erreichbar sind. Damit schien die Beachtung einer barrierefreien Treppengestaltung überflüssig zu sein. Aufzüge sind aber bekanntlich wegen Wartungs- und Reparaturarbeiten nicht wenige Tage des Jahres außer Dienst und sie dürfen in Krisenfällen (z. B. bei Feuer) nicht benutzt werden. Dann bleibt nur die Treppe! Sie wird aber auch sonst häufig dem Aufzug vorgezogen - als alltägliches "Trainingsgerät", denn Treppensteigen ist bekanntlich gesund. Gerade bei Senioren ist diese Einstellung häufig zu beobachten.

Treppen können aber auch für Menschen mit irgendwelchen Behinderungen oder Störungen (z. B. Klaustrophobie) eine Rolle spielen. Barrierefreie Wohnungen werden verstärkt von Menschen im höheren Lebensalter genutzt. Dies gilt dann natürlich auch für die Treppen in diesen Wohngebäuden. Im Alter aber häufen sich die schweren Treppenunfälle: Von den 1057 tödlich auf Treppen verunglückten Menschen des Jahres 2009 waren 84 % älter als 60 Jahre.

Es ist nicht nachvollziehbar, dass z. B. im Neubau einer Senioren-Wohnanlage Treppen gebaut werden dürfen, die die Grundsätze der Barrierefreiheit vernachlässigen; dass angesichts des demographischen Wandels unserer Bevölkerung ausgerechnet bei diesen kritischen Gefahrenstellen auf barrierefreie Gestaltung verzichtet werden darf.

(...)

Der vollständige Fachbeitrag "Barrierefreie Treppen" steht hier zum Downloaden bereit.

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