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Barrierefreier Arztbesuch

Barrierefreier Arztbesuch - noch keine Selbstverständlichkeit in Deutschland

Anmeldung in Arztpraxis
Familienplanungszentrum BALANCE
Anmeldung in Augenhöhe

Menschen mit Behinderungen, aber auch ältere oder chronisch kranke Patienten stoßen beim Arztbesuch häufig auf bauliche oder kommunikative Barrieren. Das schränkt die freie Wahl des Arztes und eine optimale medizinische Versorgung deutlich ein.

Bei einer Veranstaltung des bisherigen Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderungen und des Arbeitskreises "Barrierefreies Gesundheitswesen" in Kooperation mit der Landesärztekammer wurden diese Defizite am 8. September 2009 in Berlin von Experten und Betroffenen lebhaft diskutiert. In Nordrhein-Westfalen unterzeichneten unterdessen Vertreter der Kassen(zahn)ärztlichen Vereinigungen und (Zahn-)Ärztekammern mit der Landesbehindertenbeauftragten eine gemeinsame Erklärung, in der sie die Förderung barrierefreier Arztpraxen proklamieren.

Bereits der Weg in die Praxisräume wird für viele Betroffene oft zur Tortur: Fehlende Behindertenparkplätze, nicht vorhandene oder zu steile Rampen, Treppenaufgänge in höher liegende Etagen ohne Aufzug oder zu kleine Manövrierflächen für Rollstuhlfahrer vor und hinter den nicht selten auch viel zu schmalen Türen. Blinde und Sehbehinderte sind auf eine gute Außen- und Innenbeleuchtung sowie kontrastreiche, in gut lesbarer Schrift gestaltete Schilder angewiesen. Sie können beispielsweise auch große Glastüren nicht ohne entsprechende Markierung als solche erkennen oder stolpern am Anfang und Ende eines Treppenaufgangs über nicht gekennzeichnete Stufen. Gehörlose scheitern manchmal bereits an der Terminvereinbarung, weil diese nur übers Telefon, nicht aber per SMS oder E-Mail vorgenommen wird.

Auch innerhalb der Arztpraxen bestehen bis heute zahlreiche Barrieren: Der Tresenbereich in der Anmeldung ist für Patienten, die im Rollstuhl sitzen, zu hoch und für hörbehinderte Menschen, die von den Lippen der Arzthelferin ablesen möchten, unzureichend ausgeleuchtet. Meistens sind die Toilettenräume und Umkleidekabinen viel zu klein. Es gibt keine Halte- und Stützgriffe zum Umsetzen, die Türen lassen sich nur nach innen öffnen. Außerdem fehlt häufig behindertengerechtes Mobiliar wie höhenverstellbare Untersuchungsliegen, Röntgenapparate oder gynäkologische Stühle. Dadurch werden sowohl die medizinische Diagnostik als auch eine adäquate Behandlung erschwert.

Im Rahmen der Vortrags- und Diskussionsveranstaltung "Arztbesuch ohne Barrieren" in Berlin betonte der scheidende Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung Martin Marquard, dass bisher nur etwa zehn Prozent der Praxen in der Hauptstadt barrierefrei nutzbar sind. Neben den baulichen und kommunikativen Schwierigkeiten, auf die man als Betroffener stoße, bemängelte er die oft fehlende oder unzureichende Ausbildung des medizinischen Personals im Umgang mit beeinträchtigten Menschen. Darüber hinaus wies Marquard auf die ökonomischen Faktoren hin, die zu einer deutlichen Zurückhaltung bei den Ärzten führe, wenn es darum gehe, eine Praxis barrierefrei einzurichten: Eine mitunter zeitaufwendigere Untersuchung von Patienten mit Behinderung lasse sich bisher mit den Krankenkassen nicht entsprechend abrechnen. Außerdem bestehe häufig die Angst vor Budgetüberschreitungen durch die Therapie chronisch Erkrankter. Während das von ihm entwickelte Signet "Berlin barrierefrei" bei Einrichtungen der Wirtschaft, Kultur, im Tourismus und bei den Verwaltungen gut angenommen werde, bestehe in der Berliner Ärzteschaft eine spürbare Zurückhaltung, den entsprechenden Maßnahmekatalog zu erfüllen, um die Auszeichnung zu erhalten.

Auch der Vizepräsident der Berliner Ärztekammer Dr. Elmar Wille betonte in seinem Vortrag die finanziellen Hürden: Behindertengerechte Toiletten und Umkleidekabinen führten beispielsweise wegen einer größeren benötigten Gesamtfläche der Praxis zu höheren Mieten. Barrierefreiheit lasse sich im Gegensatz zur Behandlung von AIDS oder Substitutionen mit Methadon bei Drogenabhängigen mit den Krankenkassen bisher nicht abrechnen. Dr. Wille wies in diesem Zusammenhang auf einen Beschluss des 112. Ärztetages im Mai 2009 in Mainz hin, der den Gesetzgeber auffordert, die finanziellen Rahmenbedingungen für die Einrichtung und den Unterhalt barrierefreier Arztpraxen zu schaffen. Die Grundlage für die Resolution bildete eine Konvention der Vereinten Nationen (UN). Diese ist seit 26. März in Deutschland gültig und verpflichtet die Bundesrepublik, die Gleichberechtigung für jeden Bürger in der medizinischen Versorgung unter Berücksichtigung aller Aspekte der Barrierefreiheit zu gewährleisten. Deshalb, so das Fazit des Vizepräsidenten der Ärztekammer, sei die Politik gefordert, rechtliche Voraussetzungen wie zum Beispiel eine Änderung der Honorarordnung für den entstehenden Mehraufwand zu schaffen.

Der Staatssekretär für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz Dr. Benjamin-Immanuel Hoff hingegen konstatierte, dass auf der normativen Ebene durch Gesetze bereits alles geregelt sei. Der Veränderungsbedarf bestehe in deren realer Umsetzung. "Die Barrieren in den Köpfen der Ärzte müssen verschwinden", forderte der Politiker, denn aus seiner Sicht seien meist ökonomische Interessen der Grund, warum sich die Mediziner den bereits bestehenden Möglichkeiten der Barrierefreiheit verschließen.

Die Geschäftsführerin des Familienplanungszentrums Berlin "BALANCE" referierte in ihrem Praxisbeispiel die konkreten Probleme anhand der gynäkologischen Untersuchungssituation bei Frauen mit Behinderung oder Lernschwierigkeiten. Sie forderte eine spezifische Leistungsfinanzierung, Fortbildungs- und Schulungsmaßnahmen für das Personal sowie ein integriertes Versorgungskonzept für die Hauptstadt.

Betroffene Patienten, Ärzte, Therapeuten und das Podium diskutierten im Anschluss sehr angeregt über die Frage, wie viele barrierefreie Arztpraxen bei einem Bevölkerungsanteil von etwa zehn Prozent Behinderten tatsächlich für eine gleichberechtigte medizinische Grundversorgung notwendig sind. Dabei kam auch die Einrichtung von speziellen Versorgungszentren ohne Barrieren zur Sprache. Was für den einen eine potentielle Stigmatisierung und Einschränkung in der freien Arztwahl bedeutet, ist für den anderen ein erster Schritt in die richtige Richtung. Grundsätzliche Einigkeit bestand darüber, dass auch der demographische Wandel, also das zunehmend zu erwartende höhere Lebensalter aller Menschen in Deutschland, immer mehr barrierefreie Behandlungsmöglichkeiten notwendig machen wird. Als Fazit der Veranstaltung lässt sich ableiten, dass auch die wirtschaftlichen Bedenken innerhalb der Ärzteschaft ernst zu nehmen sind, wenn man in Berlin auf dem gemeinsamen Weg zum "Arztbesuch ohne Barrieren" weiterhin erfolgreich und im Konsens dem Ziel näher kommen will.

Ein deutliches Zeichen der Gemeinsamkeit setzte man bereits am 7. September in Nordrhein-Westfalen. Dort unterzeichneten die (Zahn-)Ärztekammern, die Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe NRW e.V., die Kassen(zahn)ärztlichen Vereinigungen und die Landesbehindertenbeauftragte Angelika Gemkow eine zukunftsweisende Vereinbarung. Alle Beteiligten wollen aktiv darauf hinwirken, dass der Abbau von Barrieren und die barrierefreie Erbringung medizinischer Leistungen zu einer Selbstverständlichkeit werden. Darüber wird erklärt, dass nicht immer teure Bau- und Umbaumaßnahmen nötig sind, sondern dass auch kleinere Maßnahmen dazu beitragen können, Barrieren abzubauen und Menschen mit Beeinträchtigung den Arztbesuch zu erleichtern.

Diskussionsveranstaltung Arztbesuch ohne Barrieren

Diskussionsveranstaltung Arztbesuch ohne Barrieren

Das Podium von links nach rechts, im Vordergrund: Martin Marquard (bisheriger Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderung in Berlin) und Eileen Moritz (Moderatorin der Veranstaltung / Fürst-Donnersmarck-Stiftung). Dahinter: Sybill Schulz (Geschäftsführung und fachliche Leitung im Familienplanungszentrum Berlin - BALANCE, Dr. Elmar Wille (Vizepräsident der Ärztekammer Berlin) und Dr. Benjamin-Immanuel Hoff (Staatssekretär für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz in Berlin).

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Zusatzinfo

"Beim Standort und bei der Einrichtung der Praxis ist Barrierefreiheit i.S. § 4 BBG i.V. mit § 17 Abs. 1 Nr. 4 SGB I herzustellen".

Nationaler Aktionsplan 2.0

der Bundesregierung zur UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK)

Entwurf Stand: 20.04.2016

"Alle Menschen mit Behinderungen sollen einen uneingeschränkten (barrierefreien) Zugang zu allen Gesundheitsdiensten und Gesundheitsdienstleitungen haben. Dabei sind die unterschiedlichen Voraussetzungen von Frauen und Männern mit Behinderungen und deren spezifischer Bedarf - sowohl in Bezug auf Erkrankungen, Medikamente und therapeutische Versorgung als auch in Bezug auf Umgang, Assistenz und Kommunikation - zu berücksichtigen. Hierzu gehört auch der Ausbau eines flächendeckenden Angebots an ausreichend spezialisierten gynäkologischen Praxen und Ambulanzen."

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PersonenaufzugBehindertenaufzug, Senkrechtlift gemäß DIN 18040, DIN EN 81-70

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