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Wohnen im Alter, anpassbarer Wohnungsbau

Wohnen im Alter

- oder was lässt sich aus dem Rätsel der Sphinx von Theben ableiten?



Barrierefreiheit und ihr Einfluss auf die Architektur

"Es gibt auf der Welt ein Zweifüßiges, ein Vierfüßiges und ein Dreifüßiges, das als einziges Lebewesen seine Gestalt ändert. Wenn es sich mit den meisten Füßen fortbewegt, ist seine Schnelligkeit am geringsten."

Das wohl älteste Rätsel der Welt aus der griechischen Mythologie, das die verschiedenen Lebensphasen des Menschen beschreibt, ist nach wie vor thematisch aktuell und hat in keiner Weise an universeller Bedeutung verloren. Analysiert man es, so werden mehrere Parameter an diesem Rätsel verdeutlicht:

  • Der Mensch verändert sich in jeder seiner Lebensphasen hinsichtlich Motorik und Mobilität.
  • Der Mensch wandelt sich hinsichtlich seiner Morphologie und Anthropometrie.
  • Die Bewegungsabläufe und damit die räumlichen Bedürfnisse verändern sich.
  • Im Alter erleichtern ihm Technische Hilfen die Mobilität.
  • Die Fortbewegungsgeschwindigkeit variiert in den verschiedenen Lebensphasen.
  • Das Gesichtsfeld und die Blickperspektive verändert sich in Abhängigkeit von der Morphologie und damit auch die Umweltwahrnehmung.

Nachvollziehbar ist, dass diese Parameter in jeder Hinsicht Konsequenzen auf die Entwicklungen in der Architektur, im Städtebau und im Produktdesign haben, auf die gleichermaßen reagiert werden muß. Doch müßte man an sich das Rätsel der Sphinx um die Aspekte der Kognition und der psychischen Konditionierung erweitern und die Sensorik miteinschließen und dies insbesondere deshalb, da sich die Menschen in unserer Zeit einer erheblich höheren Lebenserwartung erfreuen. Die dazu gewonnenen Jahre wollen sie soweit wie möglich mit Leben erfüllen.

In der Vergangenheit gab es immer wieder Versuche, für architektonischen Planungen "modulare" Maßsysteme in Abhängigkeit zum Maß des menschlichen Körpers zu entwickeln. Als bekanntester Name ist hier Le Corbusier mit seinem "Modulor" zu nennen. Es liegt nahe, analog zu diesen fiktiven Idealmaßen, Überlegungen anzustellen, in wie weit man im Sinne eines "Designs für Alle" Ansätze finden kann, allgemeingültigere Grundlagen zu finden.

Mit dem "Humanscale" von Nils Diffrient sind bereits in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf naturwissenschaftlicher Basis Anfänge gemacht worden, indem bei der Auflistung anthropometrischer Daten auch Kinder, ältere und kleinwüchsige Menschen einbezogen wurden. Damit stehen zumindest Daten zur Verfügung, auf die zurückgegriffen werden kann. Leider geht es hier vorerst nur um das Thema der körperlichen Maße.
Im Prinzip kann man diese jedoch bereits als ersten Schritt zum "Universellen Design" betrachten, das heute in aller Munde ist aber häufig auch als Alternativbezeichnung für das "Barrierefreie Bauen" oder das "Barrierefreie Design" benutzt wird. Dabei werden die Bestrebungen des Universellen Designs vernachlässigt, Standardprodukte und die räumliche Umgebung für alle Menschen zugänglich zu gestalten, d. h. über rein technische Aspekte hinaus, auch auf soziale Dinge wie beispielsweise Stigmafreiheit besonderen Wert zu legen. So wird insbesondere gefordert, dass auch die formale Gestaltung auf eine breite Akzeptanz gestellt wird. Damit wird die Zielgruppendefinition an die Realität der Gesellschaft angepaßt.

Wesentlich ist, nicht die Integration einer außenstehenden Gruppe als Ansatz zusehen - wie das Barrierefreie Bauen oder das Barrierefreie Design noch impliziert -, sondern von vornherein die integrierte Gesamtheit der gesellschaftlichen Struktur vor Augen zu haben. Der Terminus "Inclusive Design" möchte diese Sichtweise veranschaulichen.

Im Kontext der Thematik "Wohnen im Alter" wird häufig der soziologische Bezug in den Vordergrund gestellt. M. E. ist dieser jedoch isoliert betrachtet und überbewertet. Es gibt nicht den Typus "alter Mensch"!. Seine sozialen, kulturellen, psychologischen und ergonomischen Bedürfnislagen sind genauso breit gefächert, wie die aller anderen Gruppen. Natürlich kann man für diese Vielzahl von Gruppen entsprechend spezifische Wohnformen vorhalten - und es gibt ja auch inzwischen eine große Reihe hiervon -, es zeigt sich jedoch auch, dass "Speziallösungen" im Sinne von Maßanzügen nur kurzfristig ihre Berechtigung haben.
Die "sozialromantischen" Konzepte für eine Unzahl von neuen Wohnformen gehen häufig am Bedarf vorbei. Es wird immer wieder deutlich, dass Menschen auch im Alter in ihrer angestammten Wohnung verbleiben und in ihrem sozialen Netzwerk verwoben bleiben wollen. Fast immer sind es baulich technische Kriterien, weswegen ein Mensch seine Wohnung im Alter aufgeben muss. Mittlerweile gibt es einen fast flächendeckenden ambulanten Service, so dass der betreuerische Aspekt nicht vordergründig alleine einen Umzugsaspekt darstellt.

Strategisches Ziel kann eigentlich nur sein, den heutigen Wohnungsbau umfassend anpassungsfähig und allgemeingültig zu gestalten, um - im Sinne des "universellen Gedankens" - den Anforderungen aller Generationen und Nutzer hinsichtlich ihrer jeweils vordringlichen Bedürfnislagen und Wohnvorstellungen gerecht werden.

In der Schweiz wird daher seit geraumer Zeit der sogenannte "anpassbare Wohnungsbau" praktiziert, der sich durch außerordentlich hohe Flexibilität und durch ein Mindestmaß an "Barrierefreiheit" charakterisieren lässt. Dass damit auch andere Faktoren - wie insbesondere die Nachhaltigkeit - mit berücksichtigt werden, soll in diesem Zusammenhang hervorgehoben werden. Auch die Werthaltigkeit einer Immobilie steht letztendlich mit ihrer Flexibilität in direkter Korrespondenz.

Wir kommen nicht umhin, auch in diesem Zusammenhang die Normen zum barrierefreien Bauen, DIN 18040, Teil 1 und Teil 2 zu erwähnen. Hier wurde m. E. wieder ein entscheidender Fehler gemacht, indem der Wohnungsbau differenziert wird zwischen "normalen" barrierefreien Wohnungen und "rollstuhlgerechten" barrierefreien Wohnungen. Dies kann nur im Sinne der Eingliederung von Menschen mit Behinderungen bzw. im Sinne eines Universal Designs kontraproduktiv sein, da hier wieder Menschen in Gruppen mit besonderen - d. h. spezifizierten Bedürfnissen - unterteilt werden, für die spezifisch Angebote vorgehalten werden müssen.
Das Problem verstärkt sich noch zusätzlich, indem die "barrierefreien und rollstuhlgerechten" Wohnungen erheblich flächenaufwendiger sind und daher aufgrund der hohen Mietkosten schwer an die Zielgruppe zu vermieten sind. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass in keinem anderen europäischen Land eine solche Differenzierung vorgenommen wird. Es erstaunt, dass nicht überprüft wird, in wie weit durch geschickte Planung - wie beispielsweise durch sinnvolle Überlagerung von Verkehrs-, Nutz- und Bewegungsflächen, durch die geeignete Proportionierung und Dimensionierung von Räumen, die eine Nutzungsflexibilität ermöglichen und durch eine gezielte Vorkehrung für Nachrüstungsmaßnahmen mehr Nachhaltigkeit erreicht wird.
Hierzu gäbe es durchaus Möglichkeiten in der Norm entsprechende Planungsdeterminanten anzubieten. Eigene Studien haben gezeigt, dass es mindestens eine grundsätzliche Rollstuhltauglichkeit geben kann, die quasi ohne zusätzliche Wohnflächen zu erreichen ist und nicht anders ist auch der "anpassbare Wohnungsbau" in der Schweiz zu verstehen.


Für den Architekten muss klar sein, dass ...

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Herr Prof. Dr.-Ing.
Gerhard Loeschcke

BDA/DWB Freier Architekt

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