Shared Space - Eine gute Idee für Deutschland?

Das Straßenverkehrskonzept des Shared Space kann zu mehr Aufmerksamkeit und damit zu mehr Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer beitragen.

SHARED SPACE – Eine gute Idee für Deutschland?

Die menschenfreundliche Stadt

Mehr als die Hälfte aller Menschen weltweit wohnen heute in Städten – mit steigender Tendenz. Im 21. Jahrhundert sollen Städte der Idee nach ökologisch nachhaltig gebaut und so gestaltet sein, dass ihren BewohnerInnen direkte und persönliche Begegnung möglich ist. Die menschliche Stadt, wie sie sich beispielsweise der dänische Architekt Jan Gehl (2010) vorstellt, ist aber noch nicht der Standard. Bei der Verkehrsplanung hat etwa der motorisierte Individualverkehr noch oft Vorrang vor anderen Verkehrsarten. Ein Schritt auf dem Weg zur Stadtraumgestaltung nach solch menschlichem Maß könnte aber ein relativ junges Verkehrskonzept namens Shared Space sein, dessen Bezeichnung man einem niederländischen Planer zuschreibt.

Natürliche Bewegung in der Stadt

Shared Spaces sollen ein natürliches Fortbewegen im Verkehrsraum zwischen den Häusern der Stadt ermöglichen und gleichzeitig Zonen für Langsamkeit und entspanntes Verweilen, Spiel und Begegnung mitten in dicht besiedelten und heftig genutzten Stadträumen schaffen.

"Natürlich" kann heißen, dass Abkürzungen genommen werden und Straßen und Plätze diagonal überquert werden. Jeder kennt beispielsweise die Trampfelpfade, die bereits kurze Zeit nach Fertigstellung einer neuen Grünanlage entstehen. Planer und Ordnungshüter mögen sie "unordentlich" nennen, doch anstatt die Ordnung wieder herzustellen, indem man Verbotsschilder und Zäune aufstellt, kann man sie auch als natürliches Phänomen betrachten und eine dem natürlichen Verhalten der Spezies Mensch angepasste Raumplanung entlang solcher sogenannten Desire Lines betreiben.

Besonderheiten des Shared Space

Der Name deutet es bereits an: der betreffende Raum soll von allen Teilnehmenden am Straßenleben geteilt werden. FußgängerInnen und nichtmotorisierte Fortbewegungsarten haben insofern Vorrang, als sie die gesamte Breite nutzen können und man sich nach ihnen richtet. Die Flächen für motorisierten Verkehr sind hingegen begrenzt. Shared Spaces sollen zudem überwiegend barrierefrei sein und prinzipiell den Zugang für Rollstühle, Rollatoren und Kinderwagen erlauben.

Gleichzeitig zielen Shared Spaces auf die Erhöhung der Sicherheit durch Reduzierung von Geschwindigkeit und Unfallhäufigkeit ab. Das Besondere in diesem Fall ist, dass das nicht durch mehr, sondern weniger Vorschriften erreicht wird, sowie mittels Beseitigung von Trennlinien zwischen motorisierten und nicht motorisierten Fortbewegungsarten. Shared Spaces zeichnen sich durch das Fehlen von eindeutigen Abgrenzungen wie Bordkanten und Fahrbahnmarkierungen aus. Oft sind sogar die Bodenbeläge homogen. Was es auch nicht gibt, sind Verkehrszeichen oder Lichtsignalanlagen. Lediglich in den Eingangsbereichen der verkehrsberuhigten Straßenabschnitte weisen Beschilderung und aufmerksamkeitserzeugende bauliche Maßnahmen darauf hin, dass man sich in eine besondere Zone begibt. In der Mehrheit der Fälle gilt neben einer Geschwindigkeitsbegrenzung lediglich das Prinzip "Rechts-vor-Links" des §1StVO. Flächen für ruhenden Verkehr sind nicht vorgesehen, Haltezeiten für Lieferverkehr, Beladen und Entladen auf bestimmte Tageszeiten begrenzt.

Dem Konzept liegt folgende Absicht zu Grunde: Der Verzicht auf Abgrenzungen, Zeichen und Vorschriften soll Unsicherheit darüber erzeugen, wer sich wie zu verhalten hat, in der Konsequenz aber die Aufmerksamkeit schärfen. Buchstäblich eingefahrene Gewohnheiten und Erwartungen sollen ausgehebelt, der Autopilot im Kopf ausgeschaltet werden. Nicht nur die schwächeren sondern auch die motorisierten Verkehrsteilnehmer konzentrieren sich dann auf das unmittelbare Geschehen und verhandeln beispielsweise per Augenkontakt über den Vortritt.

Das Prinzip des Verzichts auf verordnete Ordnung beginnt jedoch bereits in der Vorentwurfsphase. Obwohl es einige Kernkriterien für Shared Spaces gibt und bei Planung und Umsetzung selbstverständlich die gültigen Regeln der Technik und die gesetzlichen Vorschriften einzuhalten sind, ist das Konzept keine Richtlinie oder ein Design, das "von oben" geplant wird. Stattdessen setzt der Ansatz von Anfang an auf das gemeinsame Entwickeln und Erarbeiten durch diejenigen, die sich nachher die betreffende Zone teilen werden. Das heißt, BürgerInnenbeteiligung hat hier eine Schlüsselrolle.

Voraussetzungen

Shared Spaces finden in innerstädtischen Geschäftsstraßen und dörflichen Hauptstraßen Anwendung. Die Grundvoraussetzung für ihr Funktionieren ist ein vergleichsweise hohes Aufkommen an nichtmotorisiertem Verkehr, denn es bedarf einem Mindestmaß an Fußverkehr und Radverkehr, um im Bewusstsein der AutofahrerInnen die Notwendigkeit des Herunterbremsens erkennen zu lassen. Das klingt nach einem hohen Risiko, soll aber letztendlich zu mehr Sicherheit für alle führen.

Positive Erfahrungen mit Shared Spaces

Zahlreiche Beispiele in verschiedenen Ländern belegen, dass die Idee Erfolg haben kann. Evaluationen von Projekten in Dänemark und Großbritannien, den USA und Neuseelands Hauptstadt Auckland haben gezeigt, dass Erwartungen hinsichtlich der Entschleunigung von Geschwindigkeiten wie auch Reduzierung der Unfallzahlen sich bestätigen lassen. In Auckland z. B. verzeichnet man wachsende Fußgängermengen bei gleichzeitiger Zunahme von Aufenthaltsdauern, Gästeaufkommen in Lokalen, aber auch anderen, kostenfreien Aktivitäten. Insgesamt stieg die Lebensqualität. Die Verringerung des Autoverkehrs und die Abschaffung von Parkmöglichkeiten haben darüber hinaus nicht, wie von manchen Geschäftsleuten befürchtet, zu Verlusten für den ortsansässigen Handel geführt, sondern ganz im Gegenteil, zu deutlich mehr Business.

Verwandte Konzepte

In vielen Städten der westlichen wie der östlichen Hemisphäre wird der Straßenraum bereits historisch geteilt, ohne dass es dazu eines neuen Konzeptes bedurfte. Die bauliche Struktur war eine gewachsene, noch bevor einziehender Wohlstand zur Zunahme von Fahrzeugbesitz und Fahrzeugnutzung führte. Auf Änderungen, die letzterem Vorrang eingeräumt hätten, wurde verzichtet. So findet man in italienischen wie anderen europäischen Altstädten nach wie vor das ursprüngliche Pflaster, das von Hauswand zu Hauswand reicht und, wie beispielsweise in Siena, überwiegend von FußgängerInnen, Motorrollern und vereinzeltem Lieferverkehr genutzt wird. In Japan, Indien und anderen asiatischen Ländern gibt es zahlreiche Beispiele für Verkehrsräume mit einheitlichem Straßenbelag und geteilter Nutzung für alle beteiligten Verkehrsarten.

Neben den herkömmlichen zentralen Fußgängerzonen, die teilweise von öffentlichen Verkehrsmitteln mitgenutzt werden, kennt man in Deutschland die verkehrsberuhigten Bereiche, in denen Schrittgeschwindigkeit angezeigt ist und Kfz-Fahrer und Fußgänger gleichberechtigt agieren. In Wohngebieten sind die seit den 1980er Jahren angelegten Tempo-30-Zonen und Spielstraßen bekannt. Daneben gibt es verkehrsberuhigte Geschäftsbereiche. Die aus der Schweiz stammende und dort bereits vielfach umgesetzte Begegnungszone favorisiert Tempo 20 und eine Bevorrechtigung der Fußgänger.

Shared Space - sinnvoll für Deutschland?

Das Netzwerk Shared Space hat eine Projektliste zusammengetragen, die zeigt, dass der Gedanke in Deutschland Resonanz findet. Die neuen Gemeinschaftsstraßen scheinen Langsamverkehr zu fördern. Dennoch lässt sich fragen, ob man hierzulande ein weiteres Konzept der Verkehrsberuhigung braucht und ob es überhaupt funktionieren kann. Das hat nicht nur damit zu tun, dass deutsche Autofahrer möglicherweise weniger entspannt als Neuseeländer oder Kalifornier fahren. Erlauben die straßenrechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland etwas, das in der Schweiz nicht möglich ist?

Schwierigkeiten können auftreten, wenn zu wenige Fußgänger und zu viele Autos unterwegs sind, denn letztere bremsen in der Regel nicht für vereinzelte Leute auf der Straße. Nicht zuletzt deshalb ist die Beachtung eines optimalen Verhältnisses Teil des Grundkonzeptes. Versuche, Shared Spaces in Wohngebieten einzurichten, sind daher nicht zielführend und Kompromisse gehen am eigentlichen Plan vorbei. Außerdem führt bspw. der Verzicht auf Parkverbotsschilder teilweise zum Wildparken.

Probleme sind aber besonders für Personen mit Mobilitätseinschränkungen sowie für Kinder entstanden. Für die Gestaltung von Shared Spaces findet die DIN 18040-3: 2014-12 "Barrierefreies Bauen - Planungsgrundlagen – Teil 3: Öffentlicher Verkehrs- und Freiraum" Anwendung. In die aktuelle Fassung sind neben den Anforderungen, die sich aus den Bedürfnissen von Menschen mit sensorischen Einschränkungen ergeben, auch Designkriterien für die Gestaltung von Gemeinschaftsstraßen nach dem Shared-Space-Gedanken eingeflossen. Offenbar ist jedoch die Barrierefreiheit nicht in allen Fällen gewährleistet, was die Nutzung erschwert oder gar unmöglich macht. Die im Konzept angelegte Niveaugleichheit kann u. U. in Widerspruch zur Forderung eines stufenlosen Zuganges zu Fahrzeugen des ÖPNV geraten.

Zudem ist es beispielsweise kognitiv eingeschränkten Personen, Blinden und Sehbehinderten, hörbehinderten Menschen oder auch Kindern nicht möglich, an der Kommunikation des Sehens und Gesehenwerdens teilzunehmen, wie Shared Spaces sie erfordern. So hat die mangelnde Abgrenzung und Kennzeichnung der Flächen sowie die Notwendigkeit erhöhter visueller Aufmerksamkeit unter anderem in britischen Projekten zu Kritik durch Blinden- und Sehbehindertenverbände geführt (MVA Report, 2010).

Die deutschen Erfahrungen sind in der Neufassung des Regelwerks "Hinweise zu Straßenräumen mit besonderem Querungsbedarf – Anwendungsmöglichkeiten des 'Shared Space'- Gedankens" der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e. V. (FGSV) von 2014 aufgegriffen worden. Überhaupt noch nicht untersucht wurden jedoch die möglichen Auswirkungen des demografischen Wandels. AutofahrerInnen werden immer älter. Werden sie im Alter noch in der Lage sein, mit der absichtlich erzeugten Unsicherheit umzugehen, die das Shared-Space-Konzept vorsieht, und ihre Gewohnheiten einfach aufgeben können?

Verkehrsberuhigung und Gentrifizierung

Je angenehmer ein Ort ist, desto mehr Anziehung übt er aus. Deshalb eine Frage am Rand: Trägt die Beruhigung des motorisierten Verkehrs und die in den weltweit entstehenden Gemeinschaftsstraßen zu beobachtende Zunahme an Lebensqualität im Nebeneffekt zur Verfestigung von Einkommensbarrieren bei? Steigt das Immobilienpreisniveau, finden Verdrängungsprozesse statt? Verändern sich Anwohnerstrukturen wie auch Geschäftsstrukturen? Das muss sicher an anderer Stelle untersucht werden. Es bedeutet aber nicht, dass ökologisch-soziale Erneuerungen des Stadtlebens unterbleiben sollten, sondern dass sie und die Barrierefreiheit vielleicht weiter gedacht werden müssen.

Fazit

Shared Spaces sind eine schöne Idee, die auf einer freundlichen Philosophie beruht. Sie sind jedoch kein Allheilmittel, das unterschiedslos und einem temporären Trend folgend in jeder Stadt an jedem Ort angewendet werden kann. Die örtlichen Gegebenheiten müssen berücksichtigt werden, und dazu gehören auch die sozialen. Bei konsequenter Anwendung eines Konzeptes, das auf BürgerInnenbeteiligung fußt, kann am Ende ein Verkehrsberuhigungsdesign aus dem Prozess resultieren, das vom Erwarteten abweicht, und sich manchmal auch bereits Bewährtes als das besser Geeignete herausstellen.

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Autorinfo

Redaktion nullbarriere.de

Silke Schilling, Dipl.Ing Tiefbau (TFH), war an der Planung des Berliner ÖPNV beteiligt.

Heute ist sie Redakteurin, Journalistin und Grafik­designerin und arbeitet ehren­amtlich am Aufbau eines Hilfe-Telefons für isolierte oder verein­samte SeniorInnen mit (silbernetz.org).

Zusatzinfo

Quellen und Literaturhinweise:

Gehl, Jan (2010), Cities for People, Island Press

Auckland City Council Projects, NZ, 2012

Designing the Future, Shared Space Operational Assessment, MVA Report for Department of Transport UK, 2010

Rebstock, Markus (2012) in RKW Kompetenz­zentrum [Hrsg.]: Raum für Alle – Marktchancen für kleine und mittlere Unter­nehmen in der Stadt­entwicklung.- S.27-33, Eschborn

Die neuen Hinweise für barriere­freie Verkehrs­anlagen unter Berück­sichtigung von Straßen­räumen mit beson­derem Überquerungsbedarf

Baier, Reinhold / Eilrich Wolfgang / Rebstock, Markus et. al. (2014): Hinweise zu Straßenräumen mit beson­derem Querungsbedarf – Anwendungs­möglich­keiten des "Shared Space"-Gedankens.- Forschungs­gesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e. V. (FGSV) – AG Straßenentwurf [Hrsg.], FGSV 200/1

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