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Blinde und sehbehinderte Menschen - Hilfen und Hürden im Alltag

Blinde und Sehbehinderte in Deutschland: Im Alltag gibt es noch zahlreiche Probleme

Rund 351 000 Sehbehinderte und Blinde leben in Deutschland. Trotz Normen und Richtlinien zur Barrierefreiheit gibt es immer noch Hürden, die das Leben dieser Menschen erschweren. Der Artikel von Helmut Schäfer wurde angeregt von Nicole Döhring - selbst erblindet im Alter von sechs Jahren - und gibt einen "Einblick" in den Alltag und den zur Verfügung stehenden technischen Hilfsmitteln.

Nicole Döhring an ihrem Schreibtisch mit PC und Braillezeile
Nicole Döhring mit PC und Braillezeile an Ihrem Schreibtisch

350 655 sehbehinderte und blinde Menschen lebten 2011 laut Statistischem Bundesamt in Deutschland. Dabei definiert die Rechtslage das Vorliegen einer Sehbehinderung, sobald das besser sehende Auge selbst beim Tragen von Brille oder Kontaktlinsen nicht mehr als 30 % von dem wahrnimmt, was ein normal sehendes Auge erkennt. Die hochgradige Sehbehinderung tritt bei nicht mehr als 5 % ein und wenn ein Mensch nicht mehr als 2 % davon erkennt, was ein normal Sehender wahrnehmen kann, spricht man von Blindheit.

Sehbehinderte und Blinde leben mit einem Handicap und müssen lernen, sich häufig in einer Welt zurecht zu finden, die dieser Einschränkung eben nicht gerecht wird.

Eine von ihnen ist Nicole Döhring (35), die bereits mit sechs Jahren das Augenlicht durch einen schweren Gehirntumor verlor und erblindete. Während der Ausbildung zur Bürstenmacherin und Pinselmacherin lernte sie ihren Mann Roland (46) kennen, der damals in dem selben Betrieb arbeitete. Je nach Lichteinstrahlung sieht er heute zwischen 2 und 5 % und ist damit hochgradig sehbehindert. 2007 haben die beiden zunächst standesamtlich, 2013 - nach einem Umzug aus Baden-Württemberg nach Eckernförde - dann auch kirchlich geheiratet.

Die DIN 18040, DIN 32975, DIN 32976 und DIN 32984 helfen im Leben von Sehbehinderten und Blinden

Technische Hilfsmittel für den Computer

In der eigenen Wohnung hat sich das Ehepaar mit diversen Hilfsmitteln weitestgehend auf die körperliche Einschränkung der Sehkraft eingerichtet: Nicole arbeitet an einem PC mit Sprachausgabe und einer Braillezeile, die Texte in Blindenschrift (DIN 32976) übersetzt. Sie kombiniert aber auch ein Diktiergerät, das gleichzeitig als MP3-Player genutzt werden kann, mit einem Farberkennungsgerät und erhält so beispielsweise über die Sprachausgabe Informationen über die Farben von Kleidungsstücken.


Technische Hilfe zum Rechnen, Kochen und Lesen

Auch ein sprechender Taschenrechner oder eine ebensolche Waage in der Küche und eine Messbecher mit fühlbaren Markierungslinien erleichtern den Alltag zu Hause. Roland nutzt dort außerdem ein spezielles Vorlesegerät und seine Lupe bei anspruchsvolleren Sehaufgaben.

Dafür gut geeignet ist die Lupenleuchte TEVISIO der Firma Waldmann. Sie ist besonders ergonomisch gestaltet, hat ein verzerrungsfreies, großes Sichtfeld und bietet eine optimale Farbwiedergabe. Die Lupe sorgt für eine fast doppelte Vergrößerung durch 3,5 Dioptrien, kann aber auch mit einer kleinen Aufkittlinse mit 8 Dioptrien oder einer Zusatzlupe mit 3,5 Dioptrien ergänzt werden. Trotz starker 6000 Lux ist die Lupenleuchte durch ihre LED-Technologie besonders energieeffizient. Die Lichtstärke kann außerdem gedimmt werden.


AAL-Systeme als Blindenhilfsmittel

Auch Ambient Assistance Living (AAL)-Systeme können inzwischen teilweise als Blindenhilfsmittel verwendet werden. Angenommen, irgendwo im Haushalt hat man vergessen, einen Wasserhahn richtig abzudrehen oder man hat die Herdplatte in der Küche angelassen. In diesen Fällen informiert einen die moderne Technologie für komfortables Wohnen über den Fehler, beziehungsweise das System reguliert diesen selbst, sollte man nicht mehr zu Hause sein.

Auch die Steuerung bestimmter Anwendungen mittels Spracherkennung ist bei einigen Systemen bereits möglich.


Ampel an einer Straßenüberquerung
Lichtsignalanlage

Orientierungshilfen im öffentlichen Raum

Wenn Nicole und Roland allerdings ihre Wohnung verlassen, werden die Orientierung und das Zurechtfinden oft deutlich schwieriger als in den eigenen vier Wänden. Zwar regelt seit 2009 die DIN 32975 immerhin die Gestaltung visueller Information im öffentlichen Raum zur barrierefreien Nutzung und stellt damit erstmals fest, was Barrierefreiheit aus der Sicht des Blinden ausmacht.

Taktile und akustische Orientierungssysteme sind darüber hinaus für Krankenhäuser, Flughäfen, Bahnhöfe oder andere große öffentliche Einrichtungen in der DIN 32984 geregelt. Lichtsignalanlagen mit akustischem und taktilen Zusatzsignal ergänzen das "Gesamtsystem Querungsstelle" mit Borden, Bordabsenkungen und Bodenindikatoren.

Dennoch gibt es gerade draußen täglich Barrieren

Aber im Supermarkt ist Nicole zum Beispiel immer auf die Auskünfte der Angestellten angewiesen, da sie weder die Namen noch Zutaten oder gar Preise von Produkten lesen kann. Außerdem befindet sich auf einer für sie wichtigen Straße eine gefährliche Kreuzung, bei der selbst ihr Blindenhund Afra der 35-jährigen nicht weiterhelfen kann. Diese Kreuzung ist mit einer Ampelanlage ohne Blindensignal geregelt. Da der Hund nicht zwischen roter und grüner Fußgängerampel unterscheiden kann, benötigt Nicole auf diesem Weg immer zusätzlich eine sehende Begleitperson.

Immerhin: Im Juni 2014 erscheint ein neuer Entwurf der DIN 32981 (Zusatzeinrichtungen für Blinde und Sehbehinderte an Straßenverkehrs-Signalanlagen). Dieser soll dann die Fassung von 2002 ersetzen. Die akustischen und taktilen Führungssysteme an Ampeln werden dadurch zwar nicht grundsätzlich geändert, aber die langjährige Erfahrung führt nun doch zu deutlichen Differenzierungen in der Norm.

Das Ehepaar Döhring beklagt außerdem, dass es sich doch recht häufig Beschimpfungen ausgesetzt fühlt. "Im ganz normalen, alltäglichen Umgang fehlt es bei vielen mitunter an Verständnis und Akzeptanz für unsere Situation. Gerade bei Behördengängen werden wir oft regelrecht zu reinen Bittstellern degradiert", berichtet Nicole.

Seit 2011 beziehen Nicole, die inzwischen auch erfolgreich eine Umschulung zur Telekommunikations-Operatorin absolviert hat, und Roland Erwerbsminderungsrente. Deshalb suchen beide zur Zeit dringend Minijobs in Eckernförde, um Ihre Rente ein bisschen aufzubessern.

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Taktiles Bodenleitsystem in einem öffentlichen GebäudeTaktile Bodenindikatoren für Leitsysteme
Bodenleitsysteme bestehend aus
Rippen und Noppen aus Kunststoff oder Edelstahl für den Einsatz im Innenbereich und Außenbereich
Bodenindikatoren aus Edelstahl für BlindenleitsystemeBodenindikatoren aus Edelstahl
Edelstahl-Blindenleitsystem mit Bodenindikatoren zur Information, Orientierung, Leitung und Warnung für blinde und sehbehinderte Menschen
Hand berührt einen taktilen ÜbersichtsplanTaktile Orientierungshilfen und Leitsysteme
Integrative Leitsysteme und taktile Wegeleitsysteme, Beschilderung, Fluchtwegeplan, Rettungswegeplan,
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Grafik: akustisches Leitsystem in einem öffentlichen GebäudeBlindenleitsysteme und taktile Bodenindikatoren
Bodennoppen aus Edelstahl, Leitsystem aus Kunststoff für den Einsatz in Gebäuden und in Außenbereichen, kontrastreiche Markierungen für Stufen und Treppen

Autorinfo

Logo: Redaktion nullbarriere.de Herr Helmut Schäfer

Redaktion nullbarriere.de,
Helmut Schäfer

freier Journalist und Politologe

10119 Berlin

Zusatzinfo

Der Fachartikel von Helmut Schäfer wurde angeregt von Nicole Döhring - selbst erblindet im Alter von sechs Jahren.

Nicole Döhring mit Ihrem Blindenhund Afra an einer Ampel
Frau Döhring mit Blindenhund an einer Ampel bei einem Straßenübergang

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