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barrierefreie Bahnhöfe, Haltepunkte

Standardisierung am Beispiel einer Planung barrierefreier Bahnhöfe und Haltepunkte


Ein Bahnhof ist Schnittpunkt unterschiedlicher Verkehrsarten und Reisedistanzen. (Damit sind u. A. Fußgänger, PKW- und ÖPNV-Nutzer, Nah- und Fernreisende, Pendler usw. gemeint.)
Er bündelt individuelle Wege und lenkt die Reisenden zu ihren Zieldestinationen. Zudem ist er ein Ort für Kommunikation, Austausch und ein zentraler Treffpunkt.

Ein besonders wichtiger Aspekt bei der Betrachtung von barrierefreiem Reisen ist die Sicherstellung ununterbrochener Reise- und Transportketten, die die Reisenden ohne Einschränkungen und Hindernisse von der Haustür bis zum Zielort leiten.

Besonders körperlich und sensorisch eingeschränkte Personen stoßen hierbei häufig auf Barrieren, die nicht nur mechanischer (z. B. Stufen), sondern auch sensorischer und kognitiver Art sind. (So muss z. B. das Wegeleit- und Informationssystem ebenfalls barrierefrei gestaltet sein.) Es ist eine unabdingliche Erfordernis, dass auf dem Bahnhof zügig und problemlos umgestiegen werden kann, die Wege schnell auffindbar, also eindeutig ausgewiesen sind, und technische Hilfsmittel, wie Aufzüge und Rollbänder, jederzeit funktionsfähig zur Verfügung stehen.

Über die Vor- und Nachteile einer Standardisierung am Beispiel einer Planung barrierefreier Bahnhöfe und Haltepunkte wurde 2003 an der TU Berlin von Jan Schlaffke eine Diplomarbeit verfasst. Das Ergebnis der Arbeit ist die Auswertung von Erfordernissen und Ansprüchen an die barrierefreie Gestaltung von Verkehrsbauten und ihres Umfelds. Unterteilt in Betroffenheitsgrade, orientiert an gesetzlichen Grundlagen und entsprechenden DIN-Normen hat der Autor eine qualifizierte Checkliste erstellt, mit deren Hilfe Bahnhöfe und Haltepunkte auf ihre Barrierefreiheit überprüft werden können.

Mit einem Bestanderhebungsbogen, basierend auf dem Multiple-Choice-Verfahren, werden die einzelnen Aspekte vor Ort aufgenommen und die Eigenschaftswerte "barrierefrei", "bedingt barrierefrei" und "nicht barrierefrei" zugeordnet. Die Beurteilung des Bestands richtet sich nach gängigen Richtlinien ( z. B. DIN 18024), denen folgend "barrierefrei" bedeutet, dass die technischen Anforderungen in Gänze nach dem aktuellen Stand der Entwicklung erfüllt wurden bzw. die Verkehrsstation den Anforderungen mobilitätseingeschränkter Personen uneingeschränkt gerecht wird.


Als "bedingt barrierefrei" werden Anlagen klassifiziert, an denen Mängel vorliegen, die die Nutzung und Zugänglichkeit zwar beeinträchtigen, aber nicht unmöglich machen. Die Beurteilung "nicht barrierefrei" besagt, dass die Ausprägung des Bewertungskriteriums für behinderte Menschen eine starke Beeinträchtigung darstellt und in besonders schweren Fällen die Zugänglichkeit oder die Nutzung verhindert bzw. lebensgefährlich ist. Die erfassten Komponenten werden in einer angegliederten Excel-Tabelle eingegeben, die die Daten gruppiert, untereinander gewichtet und unter Berücksichtigung von absoluten "k.o.-Kriterien" (d.h. bei "nicht barrierefrei", ist der gesamte Bereich - z.B. Treppe, Bahnsteig, Vorplatz - nicht nutzbar bzw. die Nutzung für eingeschränkte Personen lebensbedrohlich), überprüft. Das Ergebnis dieser Nutzwertanalyse ist ein Wert, der den Ist-Zustand abbildet und individuell bewertet werden kann.

Im folgenden Beispiel ist die Bahnsteigvorderkante nicht kontrastreich und mit einem taktilen Leitstreifen markiert. Sehbehinderte und Blinde können in das Gleisbett stürzen und dabei im ungünstigsten Fall von einem Zug angefahren oder gar überrollt werden. Das Fehlen einer solchen Markierung stellt eine lebensbedrohliche Tatsache dar. Daher kann der gesamte Bahnsteig als "nicht barrierefrei" eingestuft werden. Zum Vergleich ein mustergültiges Beispiel eines anderen Bahnsteigs.

BelzigParkentin

Abb.: negatives Beispiel in Belzig und positives Beispiel in Parkentin
Quelle: der Verfasser

Die Diplomarbeit soll sich weder einer umfassenden Standardisierung mit Vorgabe einer konkreten Lösung oder Handlungsanweisung, noch der bloßen Zielformulierung zuordnen lassen, vielmehr eine Hilfe zur Entscheidungsfindung und somit Voraussetzung zur Neu- oder Umplanung bzw. Lösungsfindung darstellen. Die Ergebnisse der Auswertung nach der Checkliste schreiben keine unmittelbaren Wege zu einer barrierefreien Gestaltung oder gar einen Mindeststandard vor, sondern zeigen lediglich die Mängel in der Beschaffenheit einer barrierefreien Einrichtung auf. Wie die Barrierefreiheit einer Verkehrsstation definiert wird, bzw. welchen Standards der Träger dieser Bauten folgen will, lässt sich individuell dynamisch anpassen.

Der Vorteil einer Standardisierung nach diesem Vorbild ist ein einheitliches Erscheinungsbild für Haltepunkte und Bahnhöfe, und eröffnet somit eine verlässliche und barrierefreie Reiseplanung für Personen, die darauf angewiesen sind. (Nicht nur eingeschränkte Personen profitieren davon, sondern auch für alle anderen stellt die standardisierte Gestaltung eine große Erleichterung dar. Gemeint sind Reisende mit Gepäck, temporären Einschränkungen, Personen mit Kinderwägen etc.) Die Reisenden wissen vorab, wie die Einrichtungen beschaffen sind und können ihre Reiseplanung entsprechend angleichen. (Als besonders wichtig ist die individuelle Sicherheit die Anlagen auch selbstbestimmt nutzen zu können.)

Aktuell wird die Checkliste von Karsten Michael Drohsel im Rahmen eines Praktikums zur Überprüfung der Barrierefreiheit des Stuttgarter Hauptbahnhofs und der Planungen zum "Bahnhof Stuttgart 21" im Rahmen des Projektes "Stuttgart 21" angewendet, entsprechend angepasst und auf die allgemeine Verständlichkeit und Tauglichkeit in der Praxis überprüft. Die Ergebnisse dieser Arbeit sollen Mitte des Jahres vorliegen und werden ggf. gesondert publiziert.

Beide Arbeiten eignen sich besonders für Verbände, Investoren, Verkehrsverbünde, die öffentliche Verwaltung und sonstige Einrichtungen des öffentlichen und privaten Rechts, um die Barrierefreiheit von Verkehrsbauten im Bestand vor, während und nach der Planung, sowie nach erfolgtem Neu- bzw. Umbau zu überprüfen. Sie können ferner als Vorstudie für Lastenhefte und Ausschreibungen verwendet werden.

Die Autoren der Studien arbeiten aktuell an weiteren Checklisten zur standardisierten Gestaltung von öffentlichen Gebäuden und Räumen sowie von Ladengeschäften und Gaststätten.


Jan Schlaffke und Karsten Michael Drohsel

Stand März 2008


Anm. der Red.: Der Bahnhof Belzig (Abb. links) wurde 2012 neu eröffnet.


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Autorinfo

Herr Dipl.-Ing. (Stadt- & Regionalplanung)
Jan Schlaffke

Karsten Michael Drohsel

Zusatzinfo

für ausführliche Informationen zur Checkliste nutzen Sie bitte das Kontaktformular

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