Haltestellen barrierefrei neu gestalten
Der barrierefreie Umbau und
Neubau von Haltestellen ist eines der wichtigsten Themen, wenn es um die
Schaffung einer "barrierefreien Mobilität im ÖPNV" geht. So
bietet der überwiegende Teil der Verkehrsunternehmen seinen Fahrgästen zwar
bereits Niederflurfahrzeuge an, jedoch stellen nur wenige Kommunen bislang auch
entsprechend niederflurangepasste erhöhte Borde bzw. barrierefreie Haltestellen
zur Verfügung. Doch ist hier ein Umdenkprozess im Gange. Gerade die
Haltestellengestaltung ist ein wichtiger Aspekt, denn hier macht der Bestand
gegenüber dem Neubau den Hauptanteil aus, d.h. es ist eine Nachrüstung
notwendig. Und diese Nachrüstung bietet auch die Chance, die "Visitenkarte
des ÖPNV" modern und kunden-freundlich neu zu gestalten.
Um zu dieser Thematik Angebot und Planungen der Verkehrsunternehmen zu
dokumentieren und gleichzeitig auch erste Auswirkungen der Gesetze zu
analysieren, wurde Ende 20003 bis Mitte 2004 die Studie "Barrierefreiheit
im ÖPNV und Niederflur-Haltestellen" durchgeführt.
Mitwirkung der Behindertenbeauftragten und Betroffenen
Die Mitwirkungsmöglichkeiten von Behindertenbeauftragten oder -verbänden
sind sehr unterschiedlich. Nur noch 14 % der Kommunen bzw. Unternehmen haben
(noch) keine(n) Behindertenbeauftragte(n), zum Teil werden aber statt derer
Behindertenbeiräte, Verbände oder Interessenvertretungen eingebunden.
Umgekehrt bedeutet die Existenz eines Behindertenbeauftragten nicht unbedingt
auch die Mitwirkung an Planungs- oder Beschaffungsentscheidungen, wie dies bei
rund ein Fünftel der Unternehmen der Fall ist.
Insgesamt gibt jedoch mittlerweile der überwiegende Teil der Unternehmen
oder Kommunen die Möglichkeit einer Mitwirkung. 16 % ermöglichen sogar eine
umfassende Mitwirkung bei allen abgefragten Kriterien, d.h. bei der
Haltestellengestaltung, beim Nahverkehrsplan (NVP) und der Fahrzeugausstattung. Die
häufigste Form der Mitwirkung wird bei der Haltestellengestaltung praktiziert,
wie rund die Hälfte der Befragten angaben. Die Erstellung der Nahverkehrspläne
wie auch die Fahrzeugbeschaffung gehörten mit rund 32 % ebenfalls zu den
wichtigen Mitwirkungsmöglichkeiten; beim Nahverkehrsplan ist die Mitwirkung
sogar vorgeschrieben. Insgesamt ist die steigende Zahl an
Behinderten-Beauftragten oder Behindertenverbänden, die an der Gestaltung des ÖPNV aktiv
teilnehmen, ein gutes Indiz für die Bedeutung und Verwirklichung eines
barrierefreien ÖPNV.
der Bestand: Fahrzeuge und Haltestellen
Die Niederflur-Busse erreichen im Durchschnitt bereits einen Anteil von 74%
der Fahrzeugflotte - bei 40 Unternehmen ist sogar bereits die komplette
Bus-Fahrzeugflotte niederflurig. Die Niederflur-Straßenbahnen erreichen
durchschnittlich 63 %, sechs VU haben bereits einen 100 % Anteil erreicht.
Auch bei den Haltestellen hat sich einiges getan, derzeit befinden sich viele
Kommunen im Umbauprozess oder erheben aktuelle Daten, um einen Umbau
vorzubereiten. Eine Änderung der Haltestellenform (meistens Umbau Busbucht zu
Haltestellenkap) wird sehr oft genannt; sie ist eine der Maßnahmen, die auch
zur Busbeschleunigung bzw. Beschleunigung der Ein- und Ausstiegsvorgänge
durchgeführt wird.
Eine Anpassung der Bordhöhe wurde bislang von zwei Dritteln der Unternehmen
ausgeführt. Die Anteile an umgebauten Borden in den einzelnen
Gebietskörperschaften liegen zwischen 1 % und 78,8 % aller Halte, der
Mittelwert liegt bei rund 19 %.
Die angegebenen Bordhöhen unterscheiden sich innerhalb des bundesweiten
Vergleichs wie auch z. T. innerhalb der einzelnen Kommunen: In den meisten
Fällen wird (im Busverkehr) auf eine Bordhöhe von 18 cm (37 %) bzw. 16 cm (25
%) angehoben. 24 cm oder 30 cm finden meist im Kombi-Betrieb Bus / Straßenbahn
Anwendung. Rund die Hälfte der Unternehmen nennt auch den Einbau von
Bodenindikatoren; meist wird diese Maßnahme in Kombination mit den nun
beginnenden Bordanhebungen realisiert, wie z. B. in Mainz oder München. In
Hürth sind so bereits 60% der Halte umgebaut, alle Halte werden vollständig
nachgerüstet.
die Zukunft: Planungen und Programme
Die Verbesserung von Ausstattung und Information, wie dynamische Anzeigen,
akustische Ansagen u. ä., aber auch die Anhebung der Bordhöhe zählen mit rund
33% der Nennungen zu den häufigen Planungsmaßnahmen, dicht gefolgt von den
Bodenindikatoren.
Es gibt zahlreiche Gebietskörperschaften sowie Unternehmen, die spezielle
Umbau-Programme aufgelegt haben - aber auch ohne Programm werden die
Verkehrsunternehmen bis Ende 2005 - teilweise in sehr großen Umfang - ihre
Halte insbesondere im Hinblick auf die Anhebung von Borden und Bodenindikatoren
modernisieren.
Von großem Interesse ist der Zusammenhang zwischen Niederflurfahrzeugen und
entsprechenden Haltestellen - denn erst die beiderseitige Verfügbarkeit
ermöglicht ein vollständig barrierefreies System. Die 70 Verkehrsunternehmen,
deren Flotte bereits zu mindestens drei Vierteln niederflurig ist, können
jedoch nicht immer die Systemkomponente "Halt mit erhöhtem Bord"
anfahren. Bislang steht nur in sieben Kommunen einem Niederfluranteil in der
Flotte von 75 % und mehr auch die Komponente "höherer Bord" an über
50% aller Haltestellen zu Verfügung - bei 34 der o. g. Unternehmen sind erst
weniger als 10% der Borde umgebaut.
Bis Ende 2005 jedoch werden immerhin in 17 Städten mehr als 30% der Halte
mit erhöhten Borden (und meist auch Bodenindikatoren) zur Verfügung stehen,
d.h. in der Regel werden zumindest die zentralen Umsteigestellen oder die
Kernstädte/-linien barrierefrei(er) erreichbar sein.
Insgesamt ist die Tendenz zu erkennen, neben der reinen
Haltestellengestaltung zunehmend auch die Warteflächen und Zuwege zu den
Haltestellen zu verbessern, d.h. die Haltestellen und Umfeld als Gesamtheit
barrierefrei(er) zu gestalten.
So zeigen auch die gesetzlichen Vorgaben ihre Wirkung: Dort wo die Gesetze in
Kraft sind und / oder Behindertenbeauftragte beteiligt werden, liegt der Anteil
an bereits realisierten und bis Ende nächsten Jahres projektierten Umbauten
(Bordhöhe, Bodenindikatoren, Information, ...) doch deutlich höher als in
Ländern ohne Verpflichtung.
 Baumaßnahmen für einen barrierefreien ÖPNV |
 Zentrale Umsteigesteigestellen barrierefrei umgestalten, hier in Dingelstädt |
Abschließend bleibt festzustellen, dass "Teamwork" auch hier am
erfolgversprechendsten ist: die Initiative und fachkundige Mitwirkung der
Menschen mit Behinderungen, die wachsende Bereitschaft von Planern,
Gebietskörperschaften und Verkehrsunternehmen sowie die Verpflichtungen durch
die gesetzlichen Vorgaben bringen uns gemeinsam hin zu einem ÖPNV für Alle.
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