Bedarf an barrierefreien Wohnungen in Deutschland Drucken

Barrierefreie und uneingeschränkt mit dem Rollstuhl nutzbare Wohnungen

Barrierefreie Wohnungen sind eine erhebliche Erleichterung des alltäglichen und selbstbestimmten Lebens für mobilitätseingeschränkte Menschen. Laut der Studie "Wohnen im Alter" gilt eine Wohnung als barrierefrei, wenn folgende Standards der Bauweise eingehalten werden (1*):

  • der Zugang zur Wohnung ist barrierefrei gestaltet,
  • innerhalb der Wohnung oder zum Balkon/zur Terrasse sind keine Stufen und Schwellen zu überwinden,
  • die Türen im Sanitärbereich haben eine ausreichende Breite,
  • im Sanitärbereich herrschen ausreichende Bewegungsflächen vor,
  • eine bodengleiche Dusche steht zur Verfügung.

Für Menschen, die in einem Rollstuhl sitzen, ist eine barrierefreie Wohnumgebung unabdingbar. Doch wie hoch ist die Anzahl der Menschen in Deutschland, die in einem Rollstuhl sitzen? Diese Kennzahl ist von besonderem Interesse, um den Bedarf an barrierefreien und uneingeschränkt mit dem Rollstuhl nutzbaren Wohnungen zu ermitteln.

In der vorliegenden Untersuchung wurde daher der Versuch unternommen, anhand von Statistiken des Statistischen Bundesamtes die Anzahl der schwerbehinderten Menschen zu ermitteln, die in einem Rollstuhl sitzen und daher auf eine solche Wohnung angewiesen sind.

Wie viele schwerbehinderte Menschen in Deutschland sind auf einen Rollstuhl angewiesen?

Laut "Statistik der schwerbehinderten Menschen" des Statistischen Bundesamtes waren im Jahre 2017 insgesamt 7,8 Mio. Menschen in Deutschland mit Schwerbehindertenausweis bei den Versorgungsämtern registriert. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung, die 2017 bei rund 82,8 Mio. Menschen lag, entspricht das einem Anteil von 9,4% (2).

Um die Anzahl der Menschen zu ermitteln, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, wurde für die vorliegende Untersuchung folgende Annahme gemacht:

Einen Rollstuhl benötigen die Menschen, die ab einen gewissen Behinderungsgrad "erheblich Gehbehindert" (G) und "außergewöhnlich Gehbehindert" (aG) sind (3). Zur Berechnung der Menschen in Deutschland, die unter die genannten Kategorien G und aG fallen, wurde die "Statistik der schwerbehinderten Menschen 2017" zugrunde gelegt (4). Unter die Kategorie G wurden dabei die Menschen gezählt, die eine der aufgezählten Behinderungen aufweisen:

  • Funktionseinschränkung von Gliedmaßen: eines Beines (ab 50%), beider Beine (ab 50%), eines Armes und eines Beines (ab 50%), von drei Gliedmaßen (ab 50%) (insgesamt: 760.889).
  • Funktionseinschränkung der Wirbelsäule und des Rumpfes, Deformierung des Brustkorbes: Deformierung des Brustkorbes mit Funktionseinschränkung der Wirbelsäule (ab 80%), Funktionseinschränkung der Wirbelsäule (ab 80%) (insgesamt: 76.571).
  • Querschnittlähmung, zerebrale Störungen: hirnorganische Anfälle (auch mit geistig-seelischen Störungen) mit neurologischen Ausfallserscheinungen am Bewegungsapparat (ab 80%), hirnorganisches Psychosyndrom (Hirnleistungsschwäche, organische Wesensänderung) mit neurologischen Ausfallserscheinungen am Bewegungsapparat (ab 80%) (insgesamt: 246.963).

Unter die Kategorie aG wurden Menschen gezählt, die eine der folgenden Behinderung aufweisen:

  • Verlust oder Teilverlust von Gliedmaßen: eines Beines (ab 50%), beider Beine (ab 50%), eines Armes und eines Beines (ab 50%), von drei oder vier Gliedmaßen (ab 50%) (insgesamt: 39.663).
  • Funktionseinschränkung von Gliedmaßen: beider Arme und beider Beine (ab 50%) (insgesamt: 82.405).
  • Funktionseinschränkung der Wirbelsäule und des Rumpfes, Deformierung des Brustkorbes: Funktionseinschränkung der Wirbelsäule und der Gliedmaßen (ab 80%) (insgesamt: 119.033).
  • Querschnittlähmung, zerebrale Störungen: Querschnittlähmung (ab 50%) (insgesamt: 16.202).

Schwerbehinderte Menschen 2017 (insgesamt 7,8 Mio. Menschen)

Danach sind insgesamt rund 1,35 Mio. Menschen in Deutschland auf einen Rollstuhl angewiesen. Das entspricht rund 17% der schwerbehinderten Menschen (siehe Abbildung) und rund 1,64% der Gesamtbevölkerung in Deutschland im Jahr 2017.

Wie viele schwerbehinderte Menschen mit Rollstuhl benötigen eine barrierefreie Wohnung?

Diese Frage ist nur schwer zu beantworten, da es keine konkreten Zahlen gibt, wie viele der schwerbehinderten Menschen im Rollstuhl in einer eigenen Wohnung leben - noch dazu, ob es sich bei dieser Wohnung um eine Mietwohnung (privater Vermieter oder Wohnungsunternehmen) oder eine Eigentumswohnung handelt.

Da über die Hälfte (56%) der schwerbehinderten Menschen in Deutschland 65 Jahre und älter sind, ist davon auszugehen, dass ein Teil der Rollstuhlfahrer bereits in einem Heim oder in anderen Wohnform untergebracht ist.

In Deutschland gab es im Jahr 2017 rund 478.00 Wohneinheiten in Wohnheimen (5). Zieht man diese Anzahl der Heimplätze von der gesamten Anzahl von Schwerbehinderten mit Rollstühlen (1,35 Mio.) ab, so bleiben noch rund 87.000 Menschen übrig, die auf eine barrierefreie Wohnung angewiesen sind.

Wie viele barrierefreie Wohnungen gibt es und wie hoch ist der Bedarf?

Quelle: KDA – Repräsentativbefragung 2009 (TNS Emnid)

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Im Jahr 2017 gab es rund 41,98 Mio. Wohnungen (6) und rund 16,71 Mio. Haushalte (7) in Deutschland. Von den rund 41,98 Mio. Wohnungen waren ca. 3,43 Mio. Wohnungen unbewohnt und rund 17,16 Mio. Wohnungen wurden von ihren Eigentümern selbst bewohnt (8). Das ergibt eine Anzahl von rund 19,77 Mio. Mietwohnungen von privaten Vermietern und Wohnungsunternehmen. Wie viele Wohnungen davon barrierefrei sind, wurde in den Publikationen des Statistischen Bundesamtes nicht erfasst - was sich in Zukunft ändern sollte.

In der Zusatzerhebung des Microzensus 2018 wurden nach Standardhochrechnung Merkmale zur Barrierereduktion erfasst. Sie beruhen auf der Einschätzung des (im Regelfall nicht eingeschränkten) befragten Haushalts und stellen damit keine exakte Messung der Baunorm dar. Mehrfachangaben war möglich.

Ausgewertet wurden 37.950 Haushalte.

es verfügen danach:

  • Stufen-/Schwellenloser Zugang 5.203: Gefragt wurde, ob der Zugang zur Wohnung nach Einschätzung des Haushalts stufen- bzw. schwellenlos möglich ist. Dies gilt auch dann als gegeben, wenn zur Überwindung von Stufen oder Schwellen Hilfssysteme vorhanden sind.
  • ausreichende Durchgangsbreite: Haustür 27.812: Gefragt wurde, ob die Hauseingangstür nach Einschätzung des Haushalts ausreichend durchgangsbreit ist. Als ausreichend gilt eine Breite von 90 cm.
  • ausreichende Durchgangsbreite: Flure im Gebäude 24.664: Gefragt wurde, ob die Flure innerhalb des Gebäudes nach Einschätzung des Haushalts ausreichend durchgangsbreit sind. Als ausreichend gilt eine Breite von 120 cm.
  • nach Anzahl genannter Merkmale: keines 7.362 alle 3.893

Nach Angaben der repräsentativen Studie "Wohnen im Alter" (2011) gab es zu diesem Zeitpunkt nur "ca. 570.000 weitgehend barrierefreie(n) Wohneinheiten, die nicht mehr als drei Stufen zum Haus- oder Wohnungseingang (oder technische Hilfen zur Überwindung dieser Zugangsbarrieren) haben, die keine Stufen innerhalb der Wohnung (oder technische Hilfen, diese zu überwinden) haben, die ausreichende Bewegungsflächen und Türbreiten im Sanitärbereich besitzen sowie mit einer bodengleichen Dusche ausgestattet sind" (9).

Zieht man diese barrierefreien Wohneinheiten (570.000) von den errechneten 1,09 Mio. schwerbehinderten Menschen im Rollstuhl ab, die auf eine barrierefreie Wohnung angewiesen sind, so ergibt sich ein Bedarf von rund 517.000 barrierefreien Wohnungen. Das bedeutet, dass der Hälfte dieser Menschen kein angemessener, barrierefreier Wohnraum zur Verfügung steht.

Wie hoch wird dieser Bedarf in der Zukunft sein?

Wohnen im Alter (> 65 Jahre)

Wie gezeigt wurde, haben Menschen mit Mobilitätseinschränkungen Schwierigkeiten, bedarfsgerechten Wohnraum zu finden. Angesichts des demographischen Wandels und der damit einhergehenden Alterung der Gesellschaft wird der Bedarf an barrierefreien Wohnungen in Zukunft stark zunehmen.

Bisher verfügt in Deutschland nur ein marginaler Anteil der Mietwohnungen und Eigentumswohnungen im Bestand über einen Standard, "der den vielschichtigen Bedürfnissen einer immer heterogener werdenden Gesellschaft gerecht wird" (11). Laut Loeschke und Pourat erfordert die demographische Entwicklung, dass zusätzlich zu den bereits existierenden barrierefreien Mietwohnungen bis zum Jahr 2020 mindestens 800.000 Mietwohneinheiten geschaffen werden müssen (12).

Bezogen auf die Wohnungen insgesamt ist die Zahl um ein vielfaches höher. Die Autoren der Studie "Wohnen im Alter" prognostizieren: "Wenn (…) nur für die älteren Menschen mit Bewegungseinschränkungen entsprechende Wohnungsangebote zur Verfügung gestellt werden sollten, muss (…) das Angebot um das Vier- bis Fünffache ausgeweitet werden. Dies entspricht kurzfristig einem zusätzlichen Bedarf von ca. 2,5 Mio. barrierefreien/-reduzierten Wohnungsangeboten. Bis 2020 wird erwartet, dass der Bedarf auf ca. 3 Mio. ansteigen wird" (13). Da die Zahl der Neubauvorhaben in den nächsten Jahren vergleichsweise gering sein wird, wird dieser Wohnraumbedarf zu einem großen Teil durch Modernisierungsmaßnahmen im Bestand gedeckt werden müssen (14).

Angesichts dieser Zahlen ist es verwunderlich, dass in der Muster-Liste der Technischen Baubestimmungen 2012 (M-LTB) die DIN 18040-2 nicht in vollem Umfang eingeführt wird. Darin heißt es: "Die Abschnitte 4.3.6 und 4.4 sowie alle Anforderungen mit der Kennzeichnung "R" sind von der Einführung ausgenommen" (15).

Das steht in einem direkten Widerspruch zu den Herausforderungen und Problemen, die der demographische Wandel mit sich bringt, und bedeutet einen herben Rückschlag für Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind.

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