Holpern und StolpernFacebookTwitterEmailDrucken

Die Verbandzeitschrift "Der Durchblick" - Magazin mit interessanten Berichten aus dem Bereich der Arbeit und Forderungen des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Österreich.

Zielgruppe sind all jene, die sich für die Belange blinder und sehbehinderter Menschen und die Arbeit ihrer Interessenvertretung interessieren.

Doris Ossberger über Barrierefreiheit, die allen nutzt

In: Der Durchblick. Mitteilungen des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Österreich. 2. Halbjahr 2018. [S. 6-7]

HOLPERN UND STOLPERN: FÜR NIEMANDEN FEIN

cover Der Durchblick

Als aufmerksame Lesende des "Durchblick" haben Sie jetzt schon oft genug gelesen, womit wir uns die Zeit im Referat für barrierefreies Bauen so vertreiben.
Vielleicht haben Sie sich das eine oder andere Mal auch gedacht "Schön für die – aber was interessiert das mich?".
Zugegeben, die vielen immer wiederkehrenden Begriffe, Gesetze, Normarbeitsgruppen etc. rund um das Thema Barrierefreiheit lesen sich oft ziemlich abstrakt und trocken. Deshalb haben wir ein paar Beispiele gesammelt, die zeigen, welchen Unterschied die Maßnahmen, für die wir uns einsetzen, für Ihren persönlichen Alltag machen können – ganz besonders, wenn Sie eine Sehbehinderung haben oder blind sind, aber gar nicht so viel weniger, wenn Sie keine Behinderung haben!

Haben Sie schon einmal ...

... versehentlich Geld verschenkt?

Ist zumindest nicht unwahrscheinlich bei den Möglichkeiten, die so manches Online Banking bietet! Da kann es schon passieren, dass einmal "Verklicken" das Geburtstagsgeld für die Enkelkinder auf das Konto der Behörde für Verkehrsstrafen legt. Lästige Sache, lässt sich korrigieren – aber noch besser sind natürlich einfach bedienbare Websites, die einen vor solchen Fehlern möglichst von vornherein bewahren.

... ein ganzes Wohnhaus aus dem Schlaf geklingelt?

Könnte Ihnen nicht passieren? Dann warten Sie einmal ab, bis z.B. Ihr bester Freund in eine Wohnhausanlage zieht, wo Sie zum Anläuten auf einem Touchscreen in begrenzter Zeit einen dreistelligen Zifferncode eingeben und bestätigen müssen. Noch interessanter wird das Ganze, wenn z.B. Ihre Zahnärztin – die Sie doch nun wirklich nicht öfter als einmal im Jahr besuchen wollen – ihre Praxis in einem solchen Haus hat. Da fällt vermutlich das Problem mit den schlafenden Nachbarn weg, aber zur Stressreduktion vorm Zahnarztbesuch trägt es auch nicht unbedingt bei!

... das Schlafmittel Ihres Partners geschluckt?

Zugegeben, gegen einen ungeplanten Tag erholsamen Schlafs ist nicht viel einzuwenden (vor allem, wenn Sie in dem Wohnhaus aus dem anderen Beispiel leben). Aber auf Dauer ist das Zufallsprinzip beim Einnehmen von Medikamenten vielleicht doch nicht die Methode der Wahl. Wie gut, dass heutzutage alle Medikamente eindeutig in Braille beschriftet sind – und für alle, die nicht tastend lesen können, sogar auch in gut lesbarer Schwarzschrift!

Sind Sie schon einmal ...

... am Ziel vorbeigefahren?

Vielleicht im Zug am Weg zu einer wichtigen Veranstaltung in einem anderen Bundesland den Ausstieg versäumt? Oder einfach am Weg zur Arbeit mit dem Bus die Station überhört? Vielleicht kennen Sie das: Sie rechnen mit Stationsansagen in einem öffentlichen Verkehrsmittel, aber die sind undeutlich, zu leise oder überhaupt gerade ausgeschaltet. Wenn Sie gut sehen, haben Sie zumindest noch andere Möglichkeiten herauszufinden, wo sie in etwa sind – zum Beispiel die Anzeige der Station im Zug und am Bahnsteig. Macht es das Leben nicht viel leichter, sich darauf verlassen zu können, dass beides da ist und funktioniert?

... verzweifelt herumgeirrt?

Es gibt Gebäude, da ist man einfach nicht so oft – und wenn, dann hat man es meistens eilig oder z.B. wegen eines wichtigen Termins nicht ganz die Ruhe weg. Flughäfen sind solche Gebäude. Oder auch verschiedenste Ämter, Behörden usw. Auch Krankenhäuser gehören dazu. Da ist es doch von unschätzbarem Wert, sich gut und schnell zurechtfinden zu können, oder? Eine gut verständliche Raumstruktur kombiniert mit einem guten Leitsystem hilft uns allen in solchen Situationen enorm!

... ratlos vor einem Automaten gestanden?

Ob es nun das SB-Gerät im Bankfoyer ist, das einem alles anbietet, nur kein Geld ausspucken will, oder der Fahrkartenautomat, während dessen Bedienung locker drei Straßenbahnen vorbeifahren – Automaten sind überall und können uns zur Weißglut treiben, wenn sie nicht machen, was wir wollen. Da ist oft weniger mehr – und das dafür bitte ohne extra Universitätslehrgang für alle gut nutzbar!

Hatten Sie schon einmal ...

... einen Fuß im aufgegrabenen Gehsteig?

Na hoffentlich nicht, denn dass offene Gruben am Gehweg gut abgesichert bzw. abgedeckt werden, ist zum Glück mittlerweile gang und gäbe! Hier bringt Barrierefreiheit so offensichtlich einen Sicherheitsgewinn für alle, dass es kaum Überzeugungsarbeit braucht. Und trotzdem, um Baustellenbereiche wirklich sicher um- bzw. begehbar zu machen, zahlt es sich aus, auf die Ausführung von z.B. Absperrungen und Schildern im Detail zu schauen!

... eine abenteuerliche Reise über die Straße?

Ein Gewirr aus breiten Straße mit vielen Spuren, Autos fahren kreuz und quer, vielleicht noch ein paar Straßenbahngleise unterwegs ... und wie wär’s noch mit einem Radweg am Gehsteig? Kann einen schon gehörig Nerven kosten, da ans andere Ufer zu gelangen, oder? Da ist es beruhigend zu wissen, dass es Ampeln gibt, die einen möglichst sicher hinüber führen! Und warum sollte es da blinden Menschen anders gehen als sehenden? Deshalb: Das langsame und schnelle "Tackern" gehört zu einer Fußgängerampel genauso dazu wie das rote und grüne Licht!

... eine Glaswand im Gesicht?

Nicht? Besonders gute Chancen haben Sie dazu überall dort, wo z.B. ein offener Durchgang und eine verglaste Wand direkt nebeneinander liegen oder eine Glastür zeitweise offen und zweitweise geschlossen gehalten wird. Arbeitet das Reinigungspersonal effizient beim Fensterputzen, stehen die Chancen gleich noch viel besser. Aber eigentlich ist es gar nicht so empfehlenswert, es auszuprobieren: von amüsierten Schaulustigen bis zur gebrochenen Nase ist dabei nämlich alles drin. Da ist die Zeit besser z.B. ins Entwerfen ansprechender Glasflächenmarkierungen investiert!

Haben Sie weitere Beispiele aus Ihrem persönlichen Alltag, wo Barrierefreiheit im Sinne blinder und sehbehinderter Menschen allen das Leben leichter macht oder machen würde? Lassen Sie uns davon wissen – wir setzen uns gerne für Ihre Anliegen ein!

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