Bauen ohne Barrieren
Integraler Ansatz gibt barrierefreiem Bauen neue Bedeutung
In öffentlich genutzten Gebäuden und Anlagen geht es darum, Orientierung,
Erreichbarkeit und Nutzbarkeit für möglichst alle Menschen zu sichern - natürlich
auch für diejenigen, die dauernd oder zeitweilig kognitiv, sensorisch oder
bewegungsbedingt Leistungsausfälle oder -einschränkungen erleben.
Die Ursachen spezieller Anforderungen spielen dabei meistens nur eine sehr
untergeordnete Rolle.
Ob man skatet, einen Rollstuhl benutzt, ein Kind seinen Puppenwagen schiebt oder
ein Reisender seinen Kofferrolli, bleibt gleich, unnötige Stufen machen keinen Sinn.
Auch ob man seine Brille vergessen hat, blind ist oder gar nicht lesen kann, bleibt
manchmal einerlei.
Wenn eine Information nur mit den Augen wahrnehmbar ist, steht man auf gleiche
Weise hilflos da. Wenn man vor Lärm nichts hört, taub ist oder eine fremde Sprache
spricht, nützt einem auch eine noch so freundliche Ansage möglicherweise gar nichts.
Derlei Problemkombinationen lassen sich viele finden, sie beeinträchtigen uns alle
täglich mehr oder weniger.
Deshalb sollten neben der Beseitigung baulicher Barrieren vor allem wichtige,
sensorisch aufzunehmende Orientierungshilfen und Informationen stets nach dem
2-Sinneprinzip über mindestens zwei unterschiedliche Kanäle wahrnehmbar sein, in der
Regel optisch und akustisch.
Taktile Hilfen für Menschen mit Sehbehinderungen, z.B. in Form von Leitkanten oder
tastbaren Aufmerksamkeitsfeldern im Bodenbelag, können aber auch für Sehende
ergänzend sehr hilfreich sein.
Barrierefreiheit im öffentlichen Bereich, muss physisch und sensorisch verstanden
werden, sie darf in ihrer Komplexität nicht mehr zur Disposition stehen, darf nicht
mehr simpel auf Rollstuhlgerechtigkeit beschränkt werden!
Dies gilt nachdrücklich für alle öffentlich genutzten Stadtbereiche, Gebäude
und Anlagen aber ebenso für die der Allgemeinheit zugänglichen und von ihr genutzten
Bereiche von Wohngebäuden und Arbeitsstätten, z.B. dort mindestens für Zu- und
Eingangsbereiche.
Ist es nicht absurd, dass selbst bei vielen der in den letzten Jahren sanierten
Wohngebäuden ein Besucher im Rollstuhl nicht einmal bis an die Haustür, die Klingel-
und Briefkastenanlage oder einen vorhandenen Aufzug gelangt, sein Kommen weder
anmelden noch einen Brief oder eine Nachricht einwerfen kann? Kann von
Chancengleichheit die Rede sein, wenn man bei einer beruflichen Bewerbung trotz bester
Ausbildung schon durch eine Stufe vorm Eingang im Regen stehen bleibt...?
Gesetze, Normen und Richtlinien mögen unsere Sinne für Gleichberechtigung und
bestehende Barrieren schärfen, hoffentlich manchen beflügeln, seine Lethargie zu
überwinden und uns allen helfen, Lösungen zur Vermeidung und Beseitigung von
Barrieren zu suchen.
Wo dies nicht wirkt, sind sie aber zunehmend auch das Mittel, um Rechtssicherheit zu
schaffen. Sie können, wenn nötig, nicht nur Betroffenen und Bauherrn helfen, ihre
Forderungen durchzusetzen, sondern allzu erkenntnisresistente Planungs- und
Bau-beteiligte nachhaltig in die Pflicht oder Haftung nehmen.
So besteht auch kein Zweifel daran, dass die Verankerung des
Benachteiligungsverbotes in Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes 1994 und auch die
Verabschiedung des Behindertengleichstellungsgesetzes des Bundes (BGG) vom 1.5.2002
mehr als das längst überfällige gesellschaftliche Bekenntnisse waren. Sie stehen
nicht nur als Zeichen eines viel beschworenen Paradigmenwechsels in der
Behindertenpolitik, für die Forderung nach Barrierefreiheit und Partizipation, für
selbstbestimmte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und für die Beseitigung der
Hindernisse, sie helfen auch weitgehende Chancengleichheit in einer modernen
Gesellschaft mehr und mehr Realität werden zu lassen..
Nicht zuletzt lässt das Behindertengleichstellungsgesetz des Bundes als
Artikelgesetz sehr deutlich werden, dass nahezu alle Rechtsbereiche unserer
Gesellschaft davon berührt werden und es definiert erstmals in § 4 umfassend, was
unter Barrierefreiheit verstanden werden muss, wie folgt:
Barrierefrei sind:
Bauliche und sonstige Anlagen, Verkehrsmittel, technische Gebrauchsgegenstände,
Systeme der Informationsverarbeitung, akustische und visuelle Informationsquellen und
Kommunikationseinrichtungen sowie andere gestaltete Lebensbereiche,
wenn sie für behinderte Menschen
in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich
ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.
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